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Neue Arzneistoffe gegen Multiple Sklerose

Derzeit werden oral einzunehmende Medikamente gegen Multiple Sklerose (MS) getestet. Wenn alles glatt läuft, könnten die Medikamente 2011 auf den Markt kommen. Die Arzneimittel versprechen eine verbesserte und vereinfachte Behandlung gegenüber derzeitigen Therapien, die nur mit Injektionen oder Infusionen möglich sind. Zwar sagen die Studien, dass die Nebenwirkungen der Mittel gering sein sollen. Doch es gibt kritische Stimmen.

Die beiden neuen Wirksstoffe heißen Cladribin und Fingolimod. Die als Tablette verabreichten Medikament sollen verhindern, dass potenziell schädliche Immunzellen aus den Lymphknoten in die Blutbahn gelangen. Dadurch können diese nicht zur Entstehung von Entzündungen im Zentralen Nervensystem beitragen, die für einen Grossteil der Krankheitserscheinungen bei Multipler Sklerose verantwortlich gemacht werden. Zudem sollen die Arzneistoffe auch direkt mit Zellen des Zentralen Nervensystems reagieren, wo sie eine schützende Wirkung entfalten und teilweise die Wiederherstellung von Gewebe fördern können.

Jeweils mehr als 1.000 Menschen in mehr als 18 Ländern hätten an den entsprechenden Studien teilgenommen, berichtet das New England Journal of Medicine. Cladribin und Fingolimod verringerten im Vergleich mit Blindpräparaten die Rückfallquote innerhalb von zwei Jahren um 50 bis 60 Prozent.

Basler Forscher um den Neurologen Prof. Ludwig Kappos haben jetzt Daten einer Therapie mit Fingolimod veröffentlicht: Demnach verminderte sich die Schubhäufigkeit bei schubförmiger Multipler Sklerose um 54 bis 60% im Vergleich zu einer Kontrolltherapie ohne Wirkstoffe. Auch eine Verschlechterung der mit der Multiplen Sklerose verbundenen Behinderung konnte mit beiden getesteten Dosierungen um ca. 30% während der zweijährigen Studie signifikant vermindert werden. Weiter konnten die Forscher mittels Magnetresonanztomographie zeigen, dass sich die Zahl der entzündlichen Herde deutlich verringerte und sich der Abbau von Hirngewebe (Atrophieentwicklung) signifikant verzögerte.

Die Häufigkeit der Nebenwirkungen war unter beiden Dosierungen auf dem gleichen Niveau wie unter Placebo. Die Anzahl schwerer Nebenwirkungen war sogar geringer als beim Scheinmedikament. Im Vergleich dazu ebenfalls nicht generell erhöht waren Nebenwirkungen wie Infektionen und bösartige Tumore, die bei Medikamenten gefürchtet sind, welche das das Immunsystem beeinflussen. Einige, mit der Wirkungsweise des Arzneimittels direkt zusammenhängende Nebenwirkungen wie Herzrhythmusstörungen nach der ersten Dosis und leicht erhöhte Blutdruckwerte während der Behandlung hatten nur in Einzelfällen Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Studienteilnehmer. Ebenso verhielt es sich mit erhöhten Leberwerten, die bei bis zu einem Fünftel der Behandelten festgestellt wurden.

In einer zweiten Studie mit 1292 Patienten mit schubförmiger Multipler Sklerose wurde das Medikament während eines Jahres einer etablierten Therapie mit Beta-Interferonen gegenübergestellt. Die Forscher berichten, dass die Häufigkeit von Schüben gegenüber der Interferon-Kontrollgruppe um 38 bis 52% nachliess; zudem verminderten sich die entzündlichen Zeichen und die Entwicklung von Atrophie. In dieser einjährigen Studie zeigte sich kein Unterschied zwischen den Präparaten hinsichtlich der Verschlechterung der Behinderung. Die Verträglichkeit war auch im Vergleich mit Interferon insgesamt gut.

Die MS-Expertin Belinda Weller äußerte jedoch Bedenken über mögliche Nebenwirkungen. Anscheinend legt sie die Ergebnisse der Studien etwas anders aus. Sie meint, dass es ein erhöhtes Herpes- und Krebsrisiko geben könnte.

Ein weiteres Problem ist das Geld. Wenn sich die wirksame Behandlung tatsächlich vereinfachen würde, werden laut Schätzung des MS Society mehr Patienten die neuen Medikamente nehmen wollen. Es gäbe Fälle, bei denen eine Behandlung derzeit aufgrund der Abneigung gegen Injektionen abgelehnt werde. Doch mehr Behandlungen bedeuten auch mehr Kosten. Die MS Society forderte die Pharmaunternehmen deshalb auf, die Preise für die neuen Medikamente in einem vernünftigen Rahmen festzusetzen.

Multiple Sklerose ist eine meist über mehrere Jahrzehnte dauernde Erkrankung des Zentralen Nervensystems, die in der Regel im jungen Erwachsenenalter auftritt. Weltweit sind gut zwei Millionen Mensch betroffen, davon rund 10 000 in der Schweiz. Bei über 80% verläuft die Krankheit zunächst in Schüben mit neurologischen Störungen, die sich teilweise oder ganz zurückbilden können, und mündet im Lauf der Jahre in eine mehr stetige (chronische) Progression der Behinderung. Während die eigentliche Ursache nach wie vor nicht bekannt ist, weiss man, dass eine Überreaktion der körpereigenen Abwehr (Autoimmunität) zur Zerstörung der Nervenumhüllung (Myelinscheide) und der Nervenfortsätze (Axone) im Zentralen Nervensystem wesentlich beiträgt. Daneben spielen auch nicht direkt mit der Entzündung zusammenhängende (degenerative) Vorgänge eine Rolle.

Quelle: MA 22.01.10, New England Journal of Medicine, Universität Basel, pte

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